UCI Cycling Esports World Championships 2022

UCI? Esports?

UCI Cycling Esports World Championships – was bedeutet das überhaupt?  Die UCI (Union Cycliste Internationale, d.h. der Dachverband nationaler Radsport-Verbände) organisiert alle Disziplinen des Radsports und richtet für diese jeweils Weltmeisterschaften bzw. Rennserien aus – darunter eben auch das Ecyling, also «virtuelle» Radrennen, die jeder Athlet mit seinem Rad und einem smarten Rollentrainer, der mit einer Eracing-Plattform (in diesem Falle Zwift) online zum selben Zeitpunkt gegeneinander fahren kann. 

Die Vorbereitungen: r-Dopingkontrollpool, Rollentrainer, Nationaltrikot, …

Nominiert wurde ich für die WM bereits im Herbst 2021 vom BDR (Bund deutscher Radfahrer) auf Basis meiner «IRL» (in real life) Ergebnisse sowie meiner Leistung in der Zwift Premier League. Damit ging dann einiges Organisatorisches einher: erst einmal musste ich mich für den Registered Test Pool der NADA eintragen: das bedeutet für jeden Tag des Jahres 2022 (zumindest für das erste Quartal) eintragen, wann ich mich grob wo aufhalte, wo ich übernachte und zusätzlich für jeden einzelnen Tag ein einstündiges Zeitfenster angeben, in dem ich sicher anzutreffen bin für eine mögliche Kontrolle. Kontrollen können aber auch außerhalb dieses Zeitfensters unangekündigt stattfinden (so auch eines Sonntags Mittags im Januar, als ich gerade von meinem Longrun wiedergekommen war). Das ganze muss über das ADAMS Portal stets aktuell gehalten werden. Was ein Aufwand. Für ein virtuelles Rennen? Nun gut… Das Argument für den Registered Kontrollpool war: Es ist die Weltmeisterschaft, also werden wir auch behandelt wie der nationale WM-Kader. Für mich, die im Schichtdienst arbeitet mit immer wieder unvorhersehbaren Arbeitszeiten allerdings ein ganz schöner Akt. 

Im Januar 2022 wurde mir dann ein Rollentrainer von Wahoo, das neuste Kickr Modell V5, extra für die WM per Paket nach Hause geschickt. Es sollte garantiert werden, dass alle Fahrer im Rennen die gleichen Chancen und das gleiche Equipment haben. Nach der WM sollte ich den Rollentrainer dann wieder an Wahoo zurücksenden, damit die Daten ausgelesen und überprüft werden können. 

Und super fancy: ich habe vom BDR ein komplettes Deutschland-Rennoutfit bekommen, das ich beim Event tragen musste (damit alle Fahrer im Livestream im Nationaloutfit zu sehen sind und gleich aussehen wie der Avatar im Rennen). Wie cool! Das werde ich voller Stolz natürlich wieder tragen. Vielleicht bei meinem nächsten Versuch am Stelviopass im Sommer?

Die Strecke: 55 km im futuristischen New York

Die Strecke für die WM war rund 55 km lang: 2,5 Runden der «Knickerbocker» Route auf Zwift, die durch das futuristische New York führt, wellig durch den Central Park mit ein paar Hügeln, dann aber auch einen Anstieg über gläserne Straßen hoch, der es in sich hat. Insgesamt waren 942 Höhenmeter zu erklimmen, davon 3× den besagten Anstieg hoch (für alle, die auf Zwift unterwegs sind: es handelt sich um den «NYC KOM»). Und – wer noch nie auf Zwift gefahren ist – die Anstiege können richtig weh tun. Es geht mit bis zu 14% Steigung bergauf, was sich durch einen erhöhten Widerstand bemerkbar macht, sodass man a) klug schalten muss und b) kräftig treten muss. Dass mir im Training mehrfach die Kette beim Schalten runtergefallen war, hat mich daher umso nervöser gemacht. Rausfallen wegen eines Fehlers beim Schalten wäre so ärgerlich… 

Als «Gamification» gab es auch noch sog. Power-ups, die in Zwift quasi fest dazugehören und mit denen man klug umzugehen wissen sollte. Doch anders als bei Zwift-Rennen, die ich sonst fahre, waren die Power-ups im Vorhinein bekannt, sodass jeder Fahrer genau wusste, wann ihm welches Power-up zugute kommt. Jedem Fahrer ist dann selbst überlassen, wann er diesen Bonus am ehesten braucht und wann er ihn zündet: Es gab den Van, der einem 30 Sekunden lang 50 % mehr Windschatten bietet, das Aero-Power-up, mit dem der CdA für 15 Sekunden um 25 % reduziert wird und die Feder, mit der man 15 Sekunden lang 10 % seines Körpergewichts weniger wiegt. Ich hatte mir vorher den Streckenplan ausgedruckt und mir alle Power-ups eingezeichnet, damit ich alles gut planen kann.

Essentieller Teil der Vorbereitung war es, die Strecke inklusive der kritischen Hügel und der Power-ups gut zu kennen. Den Plan hatte ich mir ausgedruckt und ihn während des Rennens im Blick.

Raceday!

Der große Tag war gekommen und ich hatte bis zum Rennstart um 19:15 Uhr nur wenige Aufgaben. Die Hauptaufgabe: Beine entspannen. Aber ich musste auch noch einiges vorbereiten: ich musste ein Video filmen, in dem ich meine Körpergröße messe und ein weiteres Video, in dem ich mich nach einem bestimmten Protokoll zwei Stunden vor Rennbeginn im finalen Rennoutfit auf der Körperwaage wiege – alles, damit sich kein Fahrer einen Vorteil erschummelt durch Angabe einer falschen Körpergröße oder Körpergewichts. 

Außerdem essentiell: das Zimmer herunterzukühlen. Beim Eracing gibt es keinen abkühlenden Fahrtwind, also muss man sich anders behelfen. Meine Taktik: Heizung aus, alle Fenster schon Stunden vor dem Rennen sperrangelweit öffnen und während des Rennens drei Ventilatoren pusten lassen. Viel hilft viel.

Was noch? Klar, den Zucker- und Wasserhaushalt auffüllen. Ich hatte schon am Tag vorher mit einer großen Pizza in der Lieblingspizzeria mit Freunden ein perfektes und super leckeres Carboloading gemacht, aber auch am Renntag selbst dürfen keine Kalorien gespart werden, sonst halten die Beine bei der Belastung nicht durch und die Kraft geht flöten. Die Energiegels für die Verpflegung während des Rennens habe ich mir auch schon bereit gelegt.

Und dann habe ich alles aufgebaut. Monitor, Laptop, iPad für das Filmen für den Livestream, Wasserflaschen, Handtuch, … alles wurde bereits am Vortag über eine Videokonferenz vom Veranstalter geprüft, damit das Setup für den Livestream allen Anforderungen gerecht wird.

Mein Setup für die WM: 3 Ventilatoren, Fenster und Balkontür weit geöffnet, 1 großer Monitor für Zwift, der an meinem Laptop angeschlossen ist, der Laptop in greifbarer Nähe, um im richtigen Moment die Power-ups zu zünden, ein iPad zum Filmen für den Livestream

Wie ich die WM erlebt habe

Ich war aufgeregt kurz bevor es losging. Der Countdown lief runter, 5, 4, 3, 2, 1, VOLLGAS. Ich kenne das schon von Rennen aus der Zwift Premier League dass die ersten zwei Minuten immer völlig überpacet gestartet wird. Aber bei diesem Mal kam es mir gar nicht so vor, ich war so konzentriert, klar, es war anstrengend, aber ich hatte eine gute Position im Feld. Nach gut zweineinhalb Kilometern kam der erste kleine Hügel. Mir war bewusst, dass ich aufpassen muss, um an dieser Stelle nicht die Gruppe zu verlieren, also habe ich eher etwas zu viel als zu wenig in die Pedale getreten. Daher war ich bei diesem Hügel ganz vorn im Feld, nicht ganz günstig, da ich hier voll im «Wind» stehe ohne mich hinter anderen Fahrerinnen im Windschatten verstecken zu können. Kraftverschwendung, das könnte ich hinten raus noch bitter bezahlen. Aber der Hügel war nur kurz und ich habe keinen Anschluss an die Gruppe verloren, das war die Hauptsache. Dann kam das erste Mal der Haupt-Anstieg des Kurses. Der Anstieg ist mehr oder weniger dreigeteilt mit zwei flacheren Passagen zwischendrin und der Rest, der mit bis 14 % Steigung recht steil ist. Ich wusste, dass spätestens jetzt das große Feld gesprengt werden würde und die ersten Fahrerinnen abgehängt werden würden. Einmal abgehängt hat man dann kaum mehr eine Chance, das Feld wieder zu erreichen. So funktioniert eben die (Zwift-) Renndynamik. Vier Minuten Vollgas später war ich oben – weiterhin in der Führungsgruppe. Yessss sehr gut, so kann es weitergehen. Es war anstrengend, aber okay. Auf der nachfolgenden Abfahrt konnte ich meine Beine kurz etwas lockern, bevor es unten auf dem welligen Kurs weiterging in die zweite Runde. Wenn es steil genug bergab geht und der Avatar schnell genug fährt, kann man sogar wenige Sekunden aufhören zu treten – wie wenn man draußen fährt eben auch, da einen das Treten hier nicht noch schneller machen würde.

In der zweiten Runde dann also das gleiche Spiel von vorne, immer im Blick, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Auf dem letzten Drittel des Anstiegs entstand dann eine Lücke und ich hatte nicht genug Kraft, sie wieder zuzufahren. Oben am Scheitelpunkt angekommen war die Führungsgruppe mehrere Sekunden vor mir. Und damit in gefühlt unerreichbarer Ferne. Der Abstand wurde während der Abfahrt noch größer, denn die große Führungsgruppe rollt eben schneller den Berg runter als ich allein. Schnell hat sich dann aber gezeigt, dass ich doch nicht allein war, es waren noch sieben andere Fahrerinnen, die ebenfalls am Berg abgehängt worden waren. Und obwohl wir alle aus verschiedenen Nationen kamen und daher nicht über einen Sprachchat miteinander eine gemeinsame Taktik kommunizieren konnten, haben wir perfekt zusammengearbeitet: Alle haben richtig Gas gegeben, während die Führungsgruppe scheinbar etwas Erholung gesucht hatte und nicht so schnell war wie befürchtet. Und so kamen wir immer näher zurück zur Top-Gruppe. Aus 14 Sekunden Abstand wurden 10, 8, 5, 3 und dann waren wir zurück ganz vorn dabei. Sehr gut.

Die Chasing-Gruppe holt die Leading-Gruppe ein, ein bunt gemixtes internationales Feld.

Das Wiederheranfahren an die Gruppe hat einige Körner gekostet und die Beine waren definitiv nicht mehr so stark wie zu Beginn des Rennens. Schnell ein Gel essen in der Hoffnung, dass das meine Speicher auffüllen würde und mir ein Stück Energie geben würde…

Letzte Runde. Bekanntes und unverändertes Streckenprofil. Ähnliche Renndynamik, aber die Gruppe hat etwas an Tempo zugelegt. Meine Power-ups zündete ich wie in Runde 1 und 2, das hatte sich bewährt, auch wenn es sicherlich nicht «die eine richtige Lösung» gibt, diese einzusetzen. Bis zum letzten Anstieg war ich mit vorn dabei, dann ging irgendwann wieder eine Lücke auf, die ich nicht zufahren konnte. Ich spürte das Laktat in meinen Beinen und meine Atmung wurde fast schon anstrengend. Bent feuerte mich an: Looossss, drüüüückkkkk!!!! Tritt!!!! Loooosss! Komm, die holst du dir, gib Gas, du kommst näher, weiter, gleich geschafft! Den einen oder anderen Platz konnte ich noch wieder gutmachen, letztendlich bin ich als 25. ins Ziel gekommen. Völlig erschöpft, aber zufrieden mit meiner Performance und stolz auf mein Ergebnis. Eine Weltmeisterschaft in der eigenen Wohnung, unvergesslich. Es war eine große Ehre, dabei zu sein.

Unser Team Deutschland hat eine gute Leistung gebracht: Bei den Herren fuhr Titelverteidiger Jason Osborne in einem spannenden und taktischen Rennen auf Platz 3, gefolgt von Christoph Thiem auf Platz 23, Jonas Rapp auf Platz 30, Martin Maertens auf Platz 40 und Jan Emmerich auf Platz 56. Bei den Damen fährt Ricarda Bauenfeind auf einen starken Platz 15, Hannah Ludwig auf Platz 56, Pia Kummer auf Platz 60. 

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